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Europäischer Gesundheitskongress

Berichte aus einer «anderen Welt»

Der 17. Europäische Gesundheitskongress stand unter dem Motto «Aufbruch im Gesundheitswesen». Das Ziel der Reise ist zwar hinlänglich bekannt und heisst Digitalisierung. Route, Dynamik und Reisegeschwindigkeit sind aber im Einzelfall doch atemberaubend, vor allem dann, wenn man den Blick Richtung Norden schweifen lässt. (CliniCum 11/18)

Das neue Uniklinikum Aarhus wurde nicht nach architektonischen Richtlinien von Gebäuden geplant, sondern nach jenen von Städten: Um einen zentralen Hochpunkt (noch im Bau) gruppieren sich in der «Krankenhausstadt Aarhus» flexibel gestaltbare, weil hoch standardisierte Gebäudekomplexe. Eingefasst ist die Anlage von einer Art Ringstrasse.

 

Nicht nur an Quantität legt der Europäische Gesundheitskongress Jahr für Jahr zu (und vermeldete auch heuer wieder eine Rekordteilnehmerzahl von 1.200), augenscheinlich ist auch der Versuch der Organisatoren, dem selbstgewählten Namen auch tatsächlich zu entsprechen und die Deutschland-internen Themen auf eine europäische Ebene zu heben oder zumindest um eine europäische Perspektive zu erweitern. Das hat auch ein wenig mit Selbstschutz zu tun, denn ohne diesen Blick nach draussen wäre das diesjährige Hauptthema Digitalisierung vermutlich in wenigen Vorträgen erschöpft gewesen. Selbst deutsche Experten attestierten selbstkritisch einen «gewissen Stillstand» im Land. Wenn Nachbarn wie die Schweiz oder Österreich – unter anderem mit dem eCard Service-Portal, eKOS und eRezept, SVA Gesundheitscoach oder ELGA – als «Vorzeigeschüler» in Sachen medizinischer Digitalisierung vor den Vorhang geholt und in mehrstündigen Sessions gewürdigt werden, dann sagt das einiges aus über den Entwicklungsstand im eigenen Land.

Dänische Super-Hospitals

Aber natürlich kamen in München auch die europäischen «Driver», die tatsächlichen Big Player in Sachen Digitalisierung zu Wort. So skizzierte der Krankenhausarchitekt Julian Weyer, Partner des Architekturbüros C.F. Møller, im Rahmen der Eröffnungssession das für viele zukunftsweisende dänische Versorgungsmodell. Aufgrund seines radikalen Lösungsansatzes setzt es aber nicht nur neue Standards in Europa, sondern ist immer wieder auch für heftige Diskussionen gut. Erörtert wurden neue Möglichkeiten und potenzielle Gefahren einer konsequenten Digitalisierung am Beispiel des neu errichteten Universitätsklinikums Aarhus, das soeben als erstes der sieben sogenannten «Super-Hospitals» in Dänemark fertiggestellt wird. Diese als Zentren der Maximalversorgung konzipierten Super-Hospitals entstehen derzeit allesamt «auf der grünen Wiese» und werden in Verbund mit elf (ebenfalls neu zu erbauenden) regionalen Unfall-Krankenhäusern zukünftig die gesamte stationäre Versorgung Dänemarks übernehmen.

Flankiert und erst möglich gemacht wird die flächendeckende Versorgung durch den parallel laufenden Ausbau ambulanter Versorgungszentren im gesamten Land, deren Basis die ständige Weiterentwicklung digitaler, telemedizinischer und logistischer Standards bildet. Die Investitionskosten für die sieben Super-Hospitals betragen jeweils rund eine Milliarde Euro, wobei staatlich vorgegeben wurde, dass allen Häusern das gleiche Budget zur Verfügung steht und dieses durch die einzelnen Kommunen auch nicht aufgestockt werden darf, um gleiche Standards für die Bevölkerung in allen Landesteilen sicherzustellen.

Evidenzbasierte Krankenhausplanung

In Aarhus wurden bereits in der Planungsphase «komplexe Ablauftests» durchgeführt, um sämtliche künftigen Arbeitsprozesse auf den Stationen und an den Arbeitsplätzen vorher in Modellumgebungen zu testen. Auch sei sowohl den Planern als auch dem Bauherrn immer bewusst gewesen, erzählte Weyer, dass eine Klinik nach zehn Jahren Planungs- und Bauzeit bei der Eröffnung «aus medizinischer Sicht bereits wieder veraltet ist». Der gesamte Bau wurde daher so ausgelegt, dass Erweiterungen, Umbauten oder der Einbau zusätzlicher technischer Logistik mit möglichst geringem Aufwand möglich sind. Weyer erläuterte auch den Ansatz «evidenzbasierter Krankenhausplanung »: So haben Studien beispielsweise gezeigt, dass möglichst viel Ruhe Patienten bei der Genesung ebenso hilft wie die Anwesenheit von Angehörigen.

Im Uniklinikum Aarhus stehen Patienten ausschliesslich Einzelzimmer zur Verfügung. Diese Massnahme ist nicht nur dem Zeitgeist geschuldet, sondern soll auch die Rekonvaleszenz durch guten Schlaf verbessern und die Gefahr von Krankenhausinfektionen reduzieren. Angehörigen steht standardmässig ein Klappbett zur Verfügung, um bei Bedarf übernachten zu können. Die Abschnitte, in denen sich die Patienten während ihres Aufenthaltes bewegen, sind klein und überschaubar.

Als Konsequenz daraus wird es in Aarhus ausschliesslich Einzelzimmer geben, um die Rekonvaleszenz durch guten Schlaf zu verbessern und Krankenhausinfektionen zu reduzieren. Jedes Bett kann bei Bedarf in den Krankenhausgarten geschoben werden, damit Sonnenlicht und Frischluft die Heilung fördern. In jedem Zimmer gibt es darüber hinaus ein Klappbett, auf dem Angehörige bei Bedarf übernachten können, etwa dann, wenn sie von weiter weg anreisen. Schon jetzt liegt übrigens die Verweildauer in dänischen Krankenhäusern mit 3,1 Tagen niedriger als in allen anderen EU-Ländern. Eine der Krankenhausaufnahme vorgeschaltete Notfallambulanz sorgt als Art «Mini-Klinik mit eigenen Betten» ganz gezielt dafür, «Patienten aus dem Krankenhaus herauszuhalten», berichtete Weyer. So könne eine missbräuchliche Inanspruchnahme der Notfallmedizin vermieden werden.

Strukturen bewegen sich um den Patienten

Neben der evidenzbasierten Krankenhausplanung verfolgten die Architekten im Projekt Aarhus auch einen bewusst Patienten-zentrierten Ansatz. «Die aufgrund der Megastruktur unvermeidlichen längeren Wege wurden abgefangen», erläuterte Weyer, « indem sich im klinischen Betrieb nicht die Patienten um die Strukturen bewegen müssen, sondern die Strukturen um die Patienten.» Trotz des städtebaulichen Ansatzes der Anlage sind daher die einzelnen Abschnitte, in denen sich der Patient während seines Aufenthaltes bewegt, «klein und überschaubar». Apropos überschaubar. Die gesamte Beschilderung des Hauses erfolgte mithilfe assoziativ verständlicher Begriffe abseits jedes medizinischen (bzw. lateinischen) Fachvokabulars. All das konnte nur dank eines massiven Einsatzes modernster Medizintechnik, IT-Infrastruktur und zentraler Logistik realisiert werden. Ein Fünftel der Gesamtinvestitionssumme wird dafür ausgegeben. Verzichtet wird hingegen konsequent auf Ärztezimmer. Untersuchungen und Arzt-Patienten-Kommunikation finden, unterstützt von einem Dashpoint-System, direkt im Einzelzimmer statt.

Dänisches Modell nur bedingt übertragbar

So beeindruckt die Zuhörer von den Ausführungen Weyers auch waren, so klar liegt auf der Hand, dass dieses dänische Modell – besonders was die landesweite Gesamtplanung betrifft – nur sehr bedingt als Role Model für andere Nationen dienen kann. Zu unterschiedlich sind die organisatorischen Voraussetzungen (so hat sich die dänische Politik schon vor vielen Jahren auf eine zentrale Steuerung und Steuergeld-Finanzierung des Gesundheitssystems geeinigt), zu gross der digitale Vorsprung (so ist die digitale Patientenakte in Dänemark bereits seit 20 Jahren Realität), zu unterschiedlich auch die topografischen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen. Wenn sich der dänische Ansatz also auch nicht 1:1 auf andere Länder übertragen lässt, so könnten manche trotzdem einiges davon lernen, darüber waren sich die Diskutanten einig: Es braucht politischen Mut zu klaren Entscheidungen und eine Bevorteilung des Gesamtinteresses vor regionalen, institutionellen oder sonstigen Teilinteressen. Dies sollte man vielen politisch Verantwortlichen jenseits der dänischen Landesgrenzen ins Stammbuch schreiben.

Gesamtinteresse vor Eigeninteressen

Beeindruckt zeigte sich unter anderem der deutsche Krankenhaus-Manager Viktor Helmers: «In Deutschland gibt es fast 2.000 Kliniken. Das heisst, 2.000 Klinik-Manager kämpfen tagtäglich um die besten Ärzte, um die besten Pfleger, um das meiste Geld. Es ist beeindruckend, wie es Dänemark geschafft hat, hier einen politischen und gesellschaftlichen Konsens herbeizuführen.» Weyer musste allerdings eingestehen, dass dieser Konsens auf einem «undemokratischen Schritt, einer zentral von oben bestimmten Entscheidung » basiert, weil die politisch Verantwortlichen der Meinung waren, dass «die Regionen die notwendigen Entscheidungen nicht treffen können, weil sie an ihren Eigeninteressen zwangsweise scheitern müssten». Daher liess die dänische Regierung vor zwölf Jahren den Status quo erheben und kam zu dem Schluss, dass das damals aktuelle Versorgungsmodell nicht länger tragbar sei, weil zukünftig unfinanzierbar. Aufgrund des drohenden Personalmangels schien es ausserdem unausweichlich, «möglichst viel zu automatisieren, um die wenigen verbleibenden Personalressourcen möglichst nah an den Patienten zu bringen», formulierte es Weyer.

Estland als «reale Vision»

Noch einen Schritt weiter als Dänemark in Sachen Digitalisierung ist Estland. Der baltische Staat nützte Anfang der 1990er Jahre die historische Chance, um beim Aufbau völlig neuer staatlicher Strukturen radikal auf Digitalisierung zu setzen. Heute gilt Estland als das europäische Digital-Vorzeigeland. Jeder Bürger hat ein «soziales Recht» auf die Internetnutzung , 88 Prozent nutzen dieses Recht täglich. 99 Prozent aller staatlichen Services sind online. Dafür investiert Estland jeden Monat 30 Millionen Euro in den Ausbau der digitalen Infrastruktur. Regelmässig kommen Vertreter europäischer Staaten zu Besuch, um sich digitale Lösungen anzusehen und sich Ideen zu holen. Das gilt nicht nur, aber in besonderem Masse auch für den Gesundheitssektor.

In Estland sind inzwischen 97 Prozent aller Gesundheitsdaten digitalisiert, darunter 99,9 Prozent aller Rezepte, berichtete in München Sandra Särav, Global Affairs Director beim CIO Office des estnischen Wirtschaftsministeriums. Estland verzichtet dabei auf eine zentrale Datenspeicherung, umso wichtiger ist die Interoperabilität aller Systeme. Nur so könne jede Datenbank Daten bei anderen Datenbanken automatisiert abrufen. Der Arzt verbindet etwa eine Verschreibung von Medikamenten per Computer mit der persönlichen Identifikationsnummer des Patienten. Der muss dann nur zur Apotheke gehen, wo die Verschreibung bereits digital vorliegt, erzählte Särav. Notfallhelfer wiederum könnten beispielsweise sofort über die im Ausweis ablesbare persönliche Identifikationsnummer die Blutgruppe, etwaige Allergien sowie vorangegangene Medikationen und Behandlungsmassnahmen eines Patienten ermitteln und gegebenenfalls schon vor der Einlieferung an das Notfallkrankenhaus übertragen.

Trotz der umfassenden gesellschaftlichen Durchdringung – oder vielleicht gerade deswegen – erfreut sich das System bei der estnischen Bevölkerung grosser Zustimmung. Misstrauen im Hinblick auf unzureichenden Datenschutz sei extrem selten, ebenso ein Opt-out. Trotz Wahlmöglichkeit sind mehr als 99,99 Prozent aller Bürger Teil des Systems. Hauptgrund dafür ist laut Särav die Datenspur, die jeder Zugriff erzeuge. Damit sei sichergestellt, dass Patienten einen eventuell unberechtigten Zugriff erkennen und die Quelle jederzeit identifizieren können. Deutschland (und implizit wohl auch Österreich) riet Särav abschliessend, nicht mit dem grossen Ganzen zu beginnen, sondern lieber einzelne gute Projekte mit Kundennutzen umzusetzen: «Wenn die Leute sehen, es nützt ihnen, steigt die Zustimmung automatisch, und man kann die nächsten Schritte setzen.»

17. Europäischer Gesundheitskongress 2018, München, 25.–26.10.18

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