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Über Übergriffe in der Psychotherapie wird geschwiegen

Bei einer Fachtagung von «intakt» rief Prof. Silke Birgitta Gahleitner zu einem offenen Umgang mit der Thematik auf. (Medical Tribune 15/18)

Warum werden Übergriffe in der Psychotherapie nach wie vor kaum thematisiert?

Gahleitner: «Es gibt zu Übergriffen sehr unterschiedliche Zahlen.»

Gahleitner: Missbrauch in der Psychotherapie war lange Zeit sehr tabuisiert. In den 1980er und 90er Jahren gab es dann eine erste Reihe von Studien zum Thema. Aktuell herrscht eher wieder ein Schweigen vor. Als positive Ausnahme ist ein Artikel von Kollegin Dr. Monika Becker-Fischer zu Übergriffen in der Psychotherapie zu nennen, der 2017 erschienen ist. Dass die Problematik gerne totgeschwiegen wird, liegt daran, dass es um dramatische Vorkommnisse geht, bei denen es schwerfällt, lange hinzusehen.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Judith Lewis Herman (PhD) hat viel im Trauma-Bereich geforscht und treffend formuliert: Es gibt immer wieder Wellen, die tabuisierte Themen in die Aufmerksamkeit bringen, sie dann aber auch wieder schnell in der Versenkung verschwinden lassen. Eine andere – bedauerlicherweise verstorbene – Kollegin, Prof. Dr. Birgit Rommelspacher, spricht von einem wiederholten «Highlighting» und «Hiding». Dabei kommen Verharmlosungs- und Verleumdungsstrategien zum Tragen, wie «Na ja, so schlimm wird’s ja nicht gewesen sein» oder «Es kann ja auch zwischen Therapeuten und Klienten Liebe geben. Was ist dagegen einzuwenden?». Oder: «Sie haben das ja selbst gewollt!»

Wie oft kommen Übergriffe in der Psychotherapie in etwa vor?

Gahleitner: Es gibt sehr unterschiedliche Zahlen. Im deutschsprachigen Raum hat Kollegin Becker-Fischer dazu eine Umfrage gemacht. Zirka zehn Prozent der befragten Psychotherapeutinnen und -therapeuten gab an, in ihrer beruflichen Karriere auch sexuelle Kontakte aufgenommen zu haben. Davon waren 92 Prozent Männer und acht Prozent Frauen. Bezüglich der Geschlechteraufteilung muss man jedoch vorsichtig sein. Denn für Frauen ist es wesentlich tabuisierter, zur Täterin zu werden. Bei Onlinebefragungen sind die Zahlen bei den Therapeutinnen etwas höher und bei den männlichen Kollegen ein bisschen niedriger. Umgekehrt gaben ein Drittel aller befragten Therapeuten an, schon mal Patienten gehabt zu haben, die von Übergriffen betroffen waren. Sie haben quasi wegen der Vorfälle den Therapeuten gewechselt. In diesem Fall sind 95 Prozent der Betroffenen Frauen und fünf Prozent Männer. Auch hier gleichen sich bei Onlinebefragungen die Zahlen leicht an.

Was wird alles als Übergriff definiert?

Gahleitner: Man unterscheidet zwischen ökonomischen, narzisstischen und sexualisierten Gewalttaten. Bei ökonomischen Übergriffen werden mit dem Therapiebeitrag bestimmte Ansprüche gestellt, wie Vorabbezahlung und sonstiger Druck. Unter narzisstischen Übergriffen versteht man, wenn der Patient die Meinung und Ausrichtung des Therapeuten bestätigen muss und in dessen Gedankengebäude hineingezwungen wird. Sexualisierte Gewalttaten schliesslich sind sexuelle Übergriffe oder Belästigungen jeglicher Art bis hin zum Geschlechtsverkehr. Was alle drei verbindet, und besonders viel Schaden anrichtet, ist der emotionale Übergriff, der parallel immer stattfindet.

Können Sie uns dafür ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Gahleitner: Eine Klientin merkte, dass etwas nicht in Ordnung ist und wollte die Therapie abbrechen. Der Therapeut tat alles, um sie zu überzeugen, dass es doch sinnvoll wäre weiterzumachen. Dass das Abbrechen der Therapie ein Versagen wäre. Er hat die Patientin letztendlich überzeugt – und dann aber plötzlich doch rausgeworfen. Der Therapeut missbraucht in so einer Situation seine Machtposition und das Vertrauen seines Gegenübers massiv. Die Täter haben meist ein gutes Gefühl dafür, bei wem sie derart manipulativ vorgehen können.

Damit wären wir bei der Frage, wer besonders gefährdet ist?

Gahleitner: Personen, die schon einmal von Missbrauch betroffen waren, sind sicher besonders gefährdet. Dabei geht es nicht nur um sexuelle Übergriffe, sondern um jede Form der Vernachlässigung oder der emotionalen oder körperlichen Gewalt.

Können Sie uns das am Thema Essstörungen näher erklären?

Gahleitner: Essstörungen sind eine mögliche Folge von meist früher Gewalt. Es kann häusliche oder sexuelle Gewalt aber durchaus auch mal erst später aufgetreten sein. Daraus kann sich das typische Folgen-Spektrum ergeben: schwieriger Umgang mit dem Körper, Selbstdestruktion etc. Die Essstörung ist jedoch nur eine mögliche Folge von Gewalterfahrungen. Andere können sein: Sucht, affektive Problematiken, selbstzerstörerisches Verhalten, Suizidalität und noch viele mehr. Umgekehrt muss nicht bei jeder Essstörung eine Traumatisierung vorliegen. Es gibt viele verschiedene Ursachen. Deshalb ist eine eindeutige Zuordnung nie möglich. Es erhöht sich lediglich das Risiko im Fall von früher Gewalt oder frühen Bindungsproblematiken. Wenn sich Betroffene dann in einer Therapie ihrem Therapeuten ein Stück weit öffnen, geht es auch darum, neue, alternative Bindungsund Beziehungserfahrungen zu sammeln. Deshalb sind die Folgen von Übergriffen umso gravierender. Sie können mit jenen von Folter gleichgesetzt werden. Posttraumatische Symptome wie Ängste und Depressionen, Selbstzweifel, Misstrauen, Isolation oder psychosomatische Beschwerden sind möglich.

Wann sollten niedergelassene Ärzte bei ihren Patienten hellhörig werden?

Gahleitner: Wenn ihnen die genannten Folgeerscheinungen auffallen. Bei Patienten, denen es schon vor der Therapie schlecht geht, ist das natürlich schwierig. Zu Therapiebeginn kann es zudem eine Erstverschlimmerung geben, weil sich Betroffene erstmals mit ihren vielen schlechten Erfahrungen auseinandersetzen. Wenn man als Arzt dann aber merkt, dass sich längerfristig keine Besserung zeigt bzw. dass die Symptomatik immer ausgeprägter wird, ist es jedenfalls gut nachzufragen.

Und was, wenn darüber gesprochen worden ist? Wie kann Betroffenen in weiterer Folge geholfen werden?

Gahleitner: Das habe ich mich im Vorfeld der intakt-Tagung auch gefragt (lacht). In der Schweiz hat man in einem Kinderheim auf die Gefahr möglichen Missbrauchs reagiert, indem man den Betreuern verboten hat, die Kleinkinder anzufassen. In Rigidität zu verfallen ist allerdings sicher der falsche Weg. Dadurch kommt es zu einer noch stärkeren Tabuisierung. Das Problem dabei ist: Wir wissen, dass die Ausweitung von Tabus eher die Risiken von Missbrauch erhöht. Nachgewiesenermassen kann die Anzahl von Übergriffen nur eingedämmt werden, wenn überall offen über die Thematik gesprochen wird.

Die Grenzen sind ja unterschiedlich. Wenn man Patienten den Arm auf die Schulter legt, ist das für einen schön und beruhigend, für den anderen nicht. Sowas kann man als Therapeut sowohl vorab mit den Patienten besprechen, als auch in Supervisionen. Der effektivste Schutz für Klienten ist, wenn sie wissen: Kleine Verfehlungen können passieren. Aber es kann immer darüber offen gesprochen werden. Ich kann sowohl auf meinen Therapeuten zugehen und ihm sagen, wenn mir etwas nicht gutgetan hat, als auch mich nach aussen, z.B. an eine Beschwerdestelle, wenden.

Bei der intakt-Tagung gab es auch einen Vortrag zum Thema Suizidalität als Selbstrettungsversuch: «Muss ich denn sterben, um zu leben?» Inwieweit passt das ebenso zur Thematik der Übergriffe?

Gahleitner: Selbstverletzendes Verhalten und Suizidversuche sind immer der letzte Weg, um eine Problematik vom Tisch zu kriegen, wenn man es anders nicht schafft. Wenn also z.B. die Folgeerscheinungen von Übergriffen, die Spannungszustände, total unerträglich geworden sind. Und tatsächlich gibt es vereinzelt Personen, die nach einem Suizidversuch neuen Lebensmut gewinnen. Ich würde das aber keinesfalls pauschalieren wollen!

Viele Therapeuten haben inzwischen Angst davor, etwas falsch zu machen …

Gahleitner: Das stimmt. Weil es oft auch zu Überreaktionen kommt. Wichtig ist mir zu betonen: Es ist ja nicht verboten, Gefühle für jemanden zu entwickeln. Es ist nur verboten, Patienten zu schädigen, indem man das Abhängigkeitsverhältnis ausnutzt. Hilfreich kann sein, wenn sich Therapeuten regelmässig ein paar Fragen stellen. Etwa: Wie fühle ich mich, wenn bestimmte Patienten meine Sprechstunde verlassen? Vermeide ich die Beendigung einer Behandlung bei jemandem? Bevorzuge ich Patienten, die stark meine Anweisungen befolgen? Wie gehe ich mit Beschwerden um? … Supervisionen sollten für Psychotherapeuten verpflichtend sein.

Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner lehrt und forscht an der Alice Salomon Hochschule Berlin, Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention. Sie leitet einen Masterlehrgang Klinische Sozialarbeit und ist Autorin mehrerer Fachbücher. Bei der Fachtagung des intakt- Therapiezentrums für Menschen mit Essstörungen am 26.1. in Wien sprach sie über Übergriffe in der Psychotherapie.
Internet: www.gahleitner.net, www.intakt.at
Beschwerdestellen
der Landesverbände für Psychotherapie:
www.psychotherapie.at/oebvp/berufsethik

Buchtipp

Silke Birgitta Gahleitner: Psychosoziale Arbeit mit traumatisierten Frauen aus Gewaltverhältnissen.
Asanger Verlag 2018, ISBN 978-3-89334-626-4, 317 Seiten, 30,40 Euro

 

 

 

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