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Was «Nudge» und «Netsch» bringen

PODIUMSDISKUSSION – Selbstbehalte und Anreize haben weniger lenkende Effekte als gedacht, sagen Experten beim 7. Linzer Gesundheitspolitischen Gespräch. Das wollten etliche in der Diskussion so aber nicht stehen lassen. (Medical Tribune 45/17) 

Ernüchtert lauschen die Ärzte-Chefs Lindner und Niedermoser sowie Alt-LH Pühringer (v.l.) den Referenten.
Ernüchtert lauschen die Ärzte-Chefs Lindner und Niedermoser sowie Alt-LH Pühringer (v.l.) den Referenten.

«Desillusionierend» waren nicht nur für Oberösterreichs Alt-Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer die Ergebnisse der zwei Vortragenden. Der eine, Univ.-Prof. Dr. Engelbert Theurl, Leopold- Franzens Universität Innsbruck, fasste sein Impulsreferat bei den 7. Linzer Gesundheitspolitischen Gesprächen Ende Oktober so zusammen: Kostenbeteiligungen, sprich Selbstbehalte, führen nicht zu einer zielgerichteteren Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, zitierte der Professor of Public Finance einige Studien, angefangen vom RAND Health Insurance Experiment in den 70ern bis hin zur Kiil/Houlberg-Studie 2014. Der zweite, Univ.-Prof. Dr. Gerald Pruckner, Johannes Kepler Universität Linz, evaluierte das Projekt «Selbstständig gesund» der SVA, bei dem erfolgreiche Teilnehmer sich den halben Selbstbehalt sparen, wenn sie vereinbarte Gesundheitsziele erreichen.

Auch der Professor für Gesundheitsökonomie hat keine guten Nachrichten: Die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen stieg zwar um 30 Prozent. Das war’s aber auch schon. Denn gerade jene, die man erreichen möchte – jene mit schlechterem Gesundheitszustand und geringerem Antrieb –, hatte man kaum erreicht, während die erfolgreichen Teilnehmer schon zuvor über eine gute Gesundheit und mehr Arztkontakte verfügten. Detto beim finanziellen Anreiz von 185 Euro für die Teilnahme an Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen in OÖ: Die Partizipationsrate stieg zwar um 14 Prozentpunkte. Aber leider waren die Effekte nur kurzfristig. Pruckner: Ökonomische «Nudges» seien kein Allheilmittel. Und: «Auch wenn wir glauben, das müsste die schwächeren Einkommensgruppen besser ansprechen, es ist überraschenderweise genau die andere Gruppe, die wir erreichen!»

Selbstbehalte für Ärzte

Pühringer glaubt dennoch nicht, dass Selbstbehalte «für die Katz‘» seien. Sie hätten zumindest einen gewissen «Abhaltungseffekt». Einen anderen Blickwinkel legt Steiermarks Ärzte-Chef Dr. Herwig Lindner an. Er spricht von «Selbstbehalten für Ärzte» – durch die Deckelungen. Hier springt ihm sein Kollege, OÖÄK-Chef Dr. Peter Niedermoser, zur Seite. Den Ärzten werde nicht das bezahlt, was sie leisten. Wenig überraschend kam die Diskussion dann schnell auf die vor rund einer Dekade kläglich gescheiterten Ambulanzgebühren. Laut Niedermoser waren sie damals «falsch aufgestellt». Man müsse die Menschen «umerziehen», sodass sie nicht nach einem «halben Gansl, drei Knödeln und vier Bier» wegen Bauchweh die Ambulanz aufsuchen. Jahrzehntelang hiess es: «Kommt rund um die Uhr zu uns in die Ambulanzen! Jetzt haben wir eine Situation, wo es nicht mehr geht.» Da brächten auch positive Anreize nichts. Niedermoser schlägt daher vor: «Wenn man den Weg über Allgemeinmediziner, Facharzt bis zum Spital einhält, braucht man nichts zu zahlen. Wenn man gleich in die höchste Ebene einsteigen will, kostet das.» Voraussetzung sei natürlich ein funktionierendes Angebot.

Geld oder Angebot?

Dr. Karl Lehner, Vorstandssprecher der oö. Spitalsholding Gespag und treuer Gast bei den Linzer Gesprächen, zählt auf das Angebot: «Holen wir die Leute dort ab, wo sie hinkommen, mit dem Angebot, das sie dort brauchen», also auch «entsprechende Einheiten» in einem Spital oder in Spitalsnähe. Dr. Silvester Hutgrabner, Landarzt in Eberschwang, plädiert für «mehr Gefühl und weniger Wissenschaft». Er, seit mehr als 30 Jahren «im Geschäft», verficht den Selbstbehalt (für Patienten): «Es steuert nur das Geld!» Derzeit hätten viele Patienten eine «Vollkasko-Mentalität» und gingen oft nur zum «Ratschen» zum Arzt. Für mehr Aufklärung ist Dr. Johannes Neuhofer, Vizepräsident der OÖÄK und Fachgruppenobmann der Dermatologie: Bei den Hautkrebs-Vorsorgeuntersuchungen gebe es «keinen Nudge oder Netsch», dennoch hätten Kampagnen «extrem gefruchtet». Ja, weil es sich um eine spezifische Vorsorgeuntersuchung handle, analysiert Pruckner. Das unterstreicht auch Dr. Michael Müller von der SVA Wien: «Je näher eine Vorsorgeuntersuchung an einem expliziten Krankheitsbild dran ist, desto höher wird die Wirkung.» Das sei bei der allgemeinen Vorsorgeuntersuchung nicht der Fall, da gehe es mehr darum, das Bewusstsein der Leute zu schärfen.

Heute weniger Kassenärzte

Lindner ist für die Definition eines Katalogs, wie ihn Theurl in seinem Referat vorgeschlagen hat: keine oder geringe Selbstbehalte für wirksame Behandlungen, aber «substanzielle» Kostenbeteiligung für weitgehend unwirksame Behandlungen. «Was in Österreich mit Selbstbehalten passiert, hat mit Steuerung nichts zu tun, das ist eine Geldbeschaffung», urteilt Lindner. Auch er fragt sich: «Wo sollen die Menschen hingehen?» Die Stärkung des niedergelassenen Bereichs habe nie stattgefunden, in der Steiermark gebe es trotz mehr und älterer Bevölkerung weniger Kassenärzte als vor zehn Jahren.

7. Linzer Gespräch
Die Medizinische Fortbildungsakademie OÖ lädt jährlich zum Linzer Gesundheitspolitischen Gespräch.
Heuer am Podium: Univ.-Prof. Dr. Engelbert Theurl, Professor of Public Finance, Leopold-Franzens-Universität, Innsbruck, Univ.-Prof. Dr. Gerald Pruckner, Professor für Gesundheitsökonomie, Institut für Volkswirtschaftslehre, Johannes Kepler Universität Linz, Dr. Peter Niedermoser, OÖÄK-Präsident und Gastgeber, Dr. Herwig Lindner, Präsident ÄK Steiermark, Alt-Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer sowie Dr. Michael Müller, SVA Wien, Abteilungsleiter GesundheitsService/Krankenversicherung.

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