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Heute mag ich mich wieder

Es ist Freitagmittag und ich bin glücklich und zufrieden. Die letzten Patienten sind relativ pünktlich und in aller Ruhe zum Türl raus, ein paar Befunde sind noch zu lesen, der Putzfrau eine Liste zu schreiben und ein paar Dinge für die kommende Woche sind noch schnell zu organisieren. Während ich meinen Schreibtisch aufräume, damit die Perle keine Ausrede hat, warum selbiger nicht gründlich bis ins letzte Eck desinfiziert und poliert ist, lächle ich vor mich hin. Heute mag ich mich endlich wieder einmal. Und das tut gut.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen im ersten Quartal dieses Jahres ergangen ist, aber meines war ziemlich mühsam. «Land unter», pflegt meine Freundin M. in solchen Zeiten zu sagen. Offenbar war ihr Einserquartal mindestens genauso furchtbar wie meines. Die Grippewelle ist einfach über uns drübergeschwappt und selber haben wir ewig dahingekränkelt. Also habe ich gearbeitet wie eine Verrückte und dabei geschnauft wie ein altersschwaches Rhinozeros. Für jeden Patienten, den ich versorgt hatte, sind fünf andere auf der Tagesliste nachgewachsen.

E wie Effizienz

Meine durch normalerweise ziemlich wartezeitfreies Drankommen verwöhnten Patienten mussten im viel zu kleinen Warteraum aufeinander hocken und haben reihenweise gemeutert. Und ich – altersschwaches Rhinozeros hin oder her – habe die so oft kritisierte Drei-Minuten-Medizin noch unterboten. Bei jungen und intelligenten Menschen sogar noch halbiert. Das geht so: Wenn der Patient ins Sprechzimmer kommt, begrüsst man ihn und bittet ihn, sich zu setzen. Inzwischen macht man am PC noch irgendetwas anderes fertig, das die Assistenten auf die Warteliste getan haben. Dann sieht man den Patienten kurz an, und wenn der meint, er oder sie sei krank, unterbricht man ihn gleich, um herauszufinden, in welche der beiden vorherrschenden «Krank-Kategorien» er gehört: HNO-Infekt oder Gastroenteritis. Und dann kommt als Anamnese ein maschinengewehrartiges Feuern eines Fragenkataloges: Fieber? Wie hoch? Wie lang? Halsweh? Ohren? (Wenn nein, spart man sich Zeit, wenn man sie nicht begutachtet.) Husten? Irgendwelche Grunderkrankungen? Dauermedikamente? Allergien? Und dann gibt’s Paracetamol und Coldargan für die oberen HNOs und noch Hustensaft dazu für die unteren HNOs.

Bei den Unklaren heisst es, bitte noch ein wenig länger warten, wir machen Blutbild und CRP. Bei den Fliegenpilzmandeln oder den exazerbierten COPDlern gibt es gleich ein Antibiotikum. Die der abdominalen Krank-Kategorie angehören, bekommen Paspertin und Probiotika sowie ein Hand-out mit Info über Schonkost. Daneben hacke ich wie eine Gestörte Infos und Dokumentationen in den Computer. Bei manchen Patienten fällt mir erst am Ende der Konsultation auf, wie der Patient eigentlich aussieht. Ich bin nicht unfreundlich oder ungut, aber das Fliessband läuft weiter. Und weiter und schneller und weiter. Am Ende der Arbeitstage bin ich ausgelaugt, todmüde und unglücklich. Am meisten über mich selber. Aber wie ich es drehe und wende: Besser wäre es nicht gegangen.

Es waren so viele und sie mussten alle behandelt werden. Manchmal wäre ein Klon oder zumindest ein Hologramm für Notfälle nicht schlecht. Einfach, um Zeit zu gewinnen. Und plötzlich ist alles anders. Am Montag habe ich gearbeitet. Zügig, aber ohne besonderen Druck. Die Warteliste war nie länger als der Bildschirmausschnitt, meist nur der halbe. Mit einigen Patienten habe ich persönliche Worte gewechselt und mir zwei, die in einer Krise stecken, zum Gespräch in Ruhe am Ende der Ordination bestellt. Und am Dienstag ist es dann nicht etwa kompensatorisch fürchterlich, sondern geht angenehm weiter. Bei der Durchsicht der Tageslisten stellen wir fest, dass wir plötzlich mindestens zwanzig Patienten weniger pro Tag haben als noch vor einer Woche. Und schon macht das Arbeiten wieder Freude.

Herr H. kommt ganz besorgt in die Ordi, da er in den letzten Monaten 14 Kilo abgenommen hat. Ich kann mir Zeit für ein ausführliches Gespräch nehmen, überlege in Ruhe, wie ich jetzt weiter verfahre und finde leider einen Diabetes bei ihm. Aber wir bringen ihn gleich auf der entsprechenden Diabetesambulanz unter und Therapie und Beratung können ehestmöglich anlaufen. Ich finde Lungenentzündungen und einige andere blöde Erkrankungen und habe genug Zeit, ausführlich über Erkrankung und Therapie mit den jeweiligen Patienten zu sprechen. Ich finde Zeit, nachzufragen, ob noch was drückt. Ich lehne mich zurück und bohre nach, wovor Frau L. nun wirklich Angst hat. Ich beruhige, ich berate, ich höre zu.

Man hört auch wieder Lachen aus meinem Sprechzimmer (meines und das der Patienten). Das Wartezimmer ist nicht leer, aber keiner muss mehr klaustrophobe Anfälle kriegen und niemand campiert am Gang. A., eine meiner spanischen Patientinnen, ist überfordert und unglücklich, ich sage ihr, sie soll am Donnerstag zu Mittag zum Reden kommen. Und das tun wir dann auch fast eine Stunde lang. Auf Spanisch über Gott und die Welt. Und nachher geht’s ihr besser und mir irgendwie auch. Und heute, Freitag, ist das Programm zwar wieder ein wenig straffer, aber ich kann mir trotzdem Zeit nehmen. Die Stimmung ist relaxt und ich bin glücklich. Deshalb stört es mich auch nicht, dass die beste aller Assistentinnen leise sagt: «Du weisst aber eh, dass das nicht immer so bleibt?»

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